Ein altes Lied

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Ein altes Lied

Ihr Wünscheträumer, Genien gleich zu scheinen,
habt euch in eurem Turm von Elfgebeinen
gemütlich eingerichtet, will man meinen.
      Mit feinen Schleiern jeden Raum verhangen,
      aus Vorsicht müßt um jeden Schritt ihr bangen.

Ihr bellt an prunkbestückten Hundeleinen,
vereint in Popularitätsvereinen,
und könnt euch herzzerreißend selbst beweinen.
      In Hysterie und leerem Wahn gefangen,
      habt ihr im Leben selbst euch übergangen.

Daß in euch keine Götterfunken keimen,
vielleicht macht’s letztlich Sinn in Dichterheimen.
So kann ich hübsche Madrigale reimen,
      gemeine Lieder singen, unbefangen,
      wie andre Narren, die schon vor mir sangen.

IV | Jan. 2004

Zur Entstehung

Ich hatte mich aufgrund einer Seminararbeit mit Francesco Landini, einem italienischen Trecento-Komponisten, und seinem Madrigal “Musica son” (Ich bin Frau Musica) beschäftigt. Ein Madrigal ist zu diesem Zeitpunkt nicht das, was man heute aus dem Barockzeitalter kennt, sondern eine eher literarisch emanzipierte Form im Endecasyllabus mit Ritornell – eine spannende und interessante Form, wie ich dachte, die, trotzdem sie Antiquiertes antizipiert, doch irgendwie das Repertoire der zeitgenössischen Formenlyrik angenehm erweitern könnte. Aber welchen Inhalt füllt man in ein solches Gefäß?

Francesco zog in seinem Madrigal über die Unfähigkeit der Laienmusiker her und stellte sich und die Form des Madrigals damit auf einen elitären Sockel. Auch wenn wir heute nicht mehr nachvollziehen können, worüber sich Francesco eigentlich beschwerte (die Liedform, über die er sich beklagt, ist nicht überliefert), fand ich die arrogante Überheblichkeit des Künstlers irgendwie nachvollziehbar, hatte ich mich über Laiendichter doch selbst schon genug aufgeregt. Es ging mir aber letztlich nicht darum, ein konkretes Schmähgedicht zu verfassen, sondern darum, eine Emotion festzuhalten, das Gefühl von Überlegenheit, welches in formvollendetem Schimpf sich manifestiert.

Ich wollte auch, wie Francesco, einen “poetologischen Text” verfassen, also ein Gedicht, das quasi performativ sich selbst und sein Dichten reflektiert. So wie Frau Musica über den Verfall der Musik singt, freut sich mein lyrisches Ich, dass es aufgrund der Unfähigkeit anderer dazu befähigt ist, sich in einem Gedicht darüber aufzuregen. Das fand ich irgendwie witzig, weil es dem gesamten Text einen selbstironischen Touch verleiht. Denn so ganz ernst kann man solch Gejammer wohl selbst nicht nehmen.
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