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Die Schlange
Die süße Frucht vom Baume der Erkenntnis pflückend,
erkennt die nackte Eva sich und ihre Welt.
Sie sieht, daß das Erstehen das Vergehen hält,
daß reine Blumen welken; grausam und bedrückend.
Da überkommt sie Furcht, den Garten zu verlassen
und als ihr nackter Gatte, Adam, vor sie tritt,
da reißt sie ihn an sich und weint und er weint mit,
und beide können ihrer Nähe Glück nicht fassen.
Ich, die Schlange war es, die das Kind verführte,
so daß sie Lasten, Leid und Liebe in sich spürte.
Ich half dem Mädchen damals, sie half ihrem Mann,
die ganze Fülle dieser Welt bewusst zu sehen
und für die Träume, für die Taten einzustehen.
Die Schuld trag ich, ihr werdet’s danken – irgendwann.
XXI | Jan. 2005
Zur Entstehung
Die Gnostiker waren von der Unfehlbarkeit Gottes überzeugt, wie jeder gute Christ. Sie folgerten: Wenn Gott aber unfehlbar ist, dann entspricht die Paradiesvertreibung seinem göttlichen Ratschluß, dann müssen Evas Erkenntnis und der daraus folgende Sündenfall sein Wille gewesen sein. Er, der den Apfel zu essen verbot, kann also nicht der wahre Gott gewesen sein – nein, die Schlange war es.
Abgesehen davon, dass ich nicht mehr an Gott glaube als an Peter Pan, entbehrt dieser gnostische Ansatz nicht einer gewissen Logik. Doch jeder halbwegs kritische Mensch wird sich fragen, warum? Warum wollte „Gott“ (oder laßt ihn uns den Verfasser/Mittler dieser Geschichte nennen) warum wollte er, dass der Mensch aus dem Paradies vertrieben wird?
Ich habe mir dazu Gedanken gemacht. Nein, in Wirklichkeit war ich irgendwann beim Nachgrübeln auf die Lösung gekommen und bemerkte erst dann, was für eine passende Parabel diese Geschichte ist. Es geht um einen Aspekt, den schon viele vor mir erkannt haben: Milton, Goethe, Blake, Wilde, Sartre. Wenn wir im Paradies leben, wo es keine Probleme gibt, nichts woran unsere Seele Anstoß nehmen könnte, wie langweilig, wie unbewußt leben wir dann vor uns hin! Erst die Erkenntnis (und Eva aß ja vom Baum der Erkenntnis), dass es mit uns und unserer Welt irgendwann ein Ende hat, öffnet uns die Augen und wir erkennen mehr und mehr.
Wir spüren Angst vor dem Verlust. Dass wir den Verlust aber fürchten, läßt uns die Liebe erkennen, die wir für eben jene und jenes hegen, das zu verlieren wir fürchen. Glück und Leid – ein ganzer Pool an Erfahrungen und Emotionen wäre uns verborgen geblieben, hätten wir nicht diese erste Erkenntnis gehabt. Hätte sie uns nie die Augen geöffnet, hielten wir die Welt um uns herum noch immer blind für das Paradies, ähnlich wie es behütete Kinder und naive Menschen auch heute noch tun. Die Paradiesvertreibung war keine Vertreibung von einem Ort, sondern eine metaphorische Vertreibung. Die Erkenntnis offenbare, die Welt um uns, ist kein Paradies.
Wissen ist Macht (z.B. die Macht zu lieben), aber wer mehr weiß, fürchtet auch mehr und damit wohnt ihm eine Ambivalenz bei, die schon Dichter wie Charles Baudelaire oder William Blake inspirierte. Dieses Gedicht ist nun mein Versuch.
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