Leider mit Leid

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Leider mit Leid

für T.L.

Schleimig, triefend ekeln mich wie nackte Schnecken
   Menschen, die ihr Schicksal in die Welten kreischen,
hemmungslos in eigner Schwäche sich noch recken
   und dann bettelnd Mitgefühl und Tränen heischen.

Sich an Unzulänglichkeiten fest zu klammern,
   scheint die neue Tugend unsrer Weltenheuler.
Will ich mit den armen Seelchen gar nicht jammern,
   reißen sich die Mitleidsboten ihre Mäuler.

Einig geifernd haben diese sich verschworen,
   Sympathie durch leeres Mitleid zu ersetzen,
haben sich zu neuen Helden auserkoren,
   deren Mastgedärm die Würmer schon zerfetzen.

Nein! ich will euch euer tragisch’ Los nicht neiden;
hattet ihr ein Leben lang doch nichts als Leiden.

XVI | Aug. 2004

Zur Entstehung

Wenn jemandem Leid geschieht, dann ist das eine tragische Sache und deshalb sollte sich jeder Mensch aktiv darum bemühen, seinen Mitmenschen kein Leid zuzufügen, besonders dann nicht, wenn er sie doch eigentlich liebt. Menschen, denen Leid geschieht, sind arme, bemitleidenswerte Schweine. Menschen, die sich in ihrem Leid aalen, um Mitleid, Aufmerksamkeit oder gar Bewunderung zu erheischen, sind dumme Idioten und verdienen, dass man Gedichte wie das obige über sie schreibt. Solche Menschen gibt es wirklich und man muß leider sagen, dass ihre Masche in unserer Gesellschaft ziemlich salonfähig ist. Der Spitzenverdiener jammert, dass er mehr Steuern zahlen muß, als die armen Schlucker. Teenager rutschen aufgeregt übers Fernseh-Sofa, als sie mit anschauen, wie die Protagonistin ihrer Lieblingssoap vom Arzt darüber aufgeklärt wird, dass sie einen Tumor in der Brust hat. Werbeplakate mit verhungerten, afrikanischen Kindern animieren Bürger dazu, den Kopf zu schütteln und: “Das ist alles furchtbar!”, auszurufen, bevor sie in ihrem Mercedes weiter zur Arbeit fahren. Und auf jeder zweiten Knuddels-Homepage schwadroniert irgendein Emo-Kid über Borderline, Boulemie, Depression oder SVV (das ist Selbstverletzendes Verhalten, Ritzen, etc.), weil die coolen Kids in der Bravo das auch immer machen.

Jean Paul Sartre hat einen Essay über Baudelaire geschrieben, in dessen ersten Absätzen er reflektierte, wie widerlich er dieses Rumgejammer des französischen Poeten fände. Er argumentierte, wenn einen etwas wirklich stört, wenn man ein Problem hat, na dann tut man doch etwas dagegen und lehnt sich nicht zurück, um mit wallenden Worten das eigene Leid zu ästhetisieren. Damals war ich enttäuscht, dass mein Lieblingsphilosoph über meinen Lieblingsdichter so gemeine Sachen sagt, aber inzwischen weiß ich, Sartre hat an sich vollkommen recht. Trotzdem finde ich Baudelaires schwülstige Worte des Ekels so hervorragend, dass ich diesen Stil für mein Gedicht verwandte. Passivität ist etwas Schreckliches. Wir müssen unser Leben nicht geschehen lassen – ich bin davon überzeugt, dass wir es selbst bestimmen können.

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