Anklage: Doktorspiele

Ich las gerade einen Artikel im Magazin, in dem der Autor (K.C. Zehrer) davon berichtet, mit wieviel Begeisterung er jedes Jahr auf die neue Veröffentlichung der Polizeilichen Kriminalstratistik der Bundesrepublik Deutschland warte. Sie sei besser als jeder Krimi und kreativer, was die Auswahl der Verbrechen angehe. Da wird z.B. ein “Vertrauensbruch im auswärtigen Dienst” aufgeführt oder das “Herbeiführen einer Überschwemmung”. Wenn es aber an den Teil geht, in dem über den sexuellen Missbrauch von Kindern gesprochen wird, möchte man sich die Hand an den Kopf schlagen.

Immerhin jeder elfte Tatverdächtige, der 2009 wegen des sexuellen Missbrauchs von Kindern aktenkundig wurde, was selbst unter 14 Jahren alt.
Eingang in die Statistik haben unter anderen gefunden: drei Mädchen zwischen 10 und 12 sowie ein Junge zwischen 6 und 8, die sich der “Verbreitung von Kinderpornographie” schuldig gemacht haben; sechs Jungen und drei Mädchen, alle zwischen 8 und 10, denen “Einwirken auf Kinder gemäß §176 Abs. 4 Nr. 3 und 4 StGB” zur Last gelegt wurde, was übersetzt bedeutet: Sie haben anderen Kindern Pornos gezeigt; fünfzehn Jungen und zwei Mädchen, alle jünger als sechs Jahre, die “sexuelle Handlungen an einer Person unter vierzehn Jahren (Kind)” vorgenommen haben.
Was genau die Kinder getan haben und wer sie dafür angezeigt hat, geht aus den Zahlenkolonnen der Polizeilichen Kriminalstatistik nicht hervor. Jedoch liegt die Vermutung nahe, dass ihre Straftaten in unschuldigeren Zeiten mal “Doktorspiele” genannt und mehr der Grundlagenbildung als der Kriminalität zugerechnet wurden.

Ja, liebe Bürger, in solch einem Staat leben wir, wo euer 10-Jähriges in einer Kriminalstatistik auftaucht, weil es mit einem Gleichaltrigen Doktorspiele gespielt hat! Unser 11-Jähriger hat neulich am Abendbrotstisch dreckige Witze mit Penissen und Brüsten erzählt und sich köstlich amüsiert. Mal sehen, wann ihn jemand deswegen anzeigt. Völlig unklar bleibt, wieviele 15-Jährige auftauchen, bzw. sogar verurteilt werden, weil sie mit 14-Jährigen die ersten Schritte auf dem Weg körperlicher Zuneigung gewagt haben. Kann man über diese Entwicklung als vernunftbegabter Menschen nicht eigentlich nur noch den Kopf schütteln?

2 Kommentare zu “Anklage: Doktorspiele”

  1. Laura
    November 1st, 2011 18:05
    1

    ich lese mit spannung und kritischen blick deinen text.
    findest du es nicht eher verwunderlich, dass kinder sexuelle erfahrungen machen in einem solchen rahmen, dass sie auch “erwischt” werden?
    ich sehe das ähnlich kritischer in welcher weise statistiken gefälscht bzw umdefiniert werden, aber liegt das nicht auch allein an unserem alltäglichen verhalten uns und unserer gesellschaft gegenüber?

    lieber grüß laura

  2. LeV
    November 2nd, 2011 10:37
    2

    Ich finde es ganz normal, dass Kinder sexuelle Wesen sind, dass sie ihren Körper erkunden und sich ausprobieren wollen – und zwar oftmals viel unbelasteter als ihre Eltern, weil sie ihren Körper noch ganz anders annehmen. Bedenklich finde ich, dass Kinder bei soetwas “erwischt” werden. Ich würde mich als Eltern schämen, auf diese Weise in die Privatsphäre meines Kindes einzudringen und es dann auch noch mit meinen biederen Moralvorstellungen zu belasten, indem ich es ausschimpfe und anschwärze. So lange es sich in einer selbst gewählten Geschwindigkeit bewegt (was es nicht kann, wenn ich es an dem Punkt bevormunde) und niemandem etwas aufdrängt, der dahingehend nicht bedrängt werden möchte, soll es sich fotografieren, masturbieren, Pornos angucken, Peniswitze erzählen oder was auch immer dürfen. Das haben wir früher doch auch gemacht – nur dass wir keine Handies, keine Schnüffeleltern und keine komplett dämlichen Jugendschutzgesetze hatten, als dass wir erwischt worden und in einer Kriminalstatistik aufgetaucht wären.

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