[Magisterarbeit] Musica mensurabilis

Ich hatte schon lange versprochen, nach der offiziellen Bewertung meine Magisterarbeit in meinem Blog online zu stellen und das möchte ich hiermit tun. Der vollständige Titel der Arbeit lautet “Music mensurabilis. Rhythmische Kodierung in der Musiknotation des Mittelalters”. Sie wurde am 25. April 2012 an der Freien Universität Berlin zur Erlangung des Magister-Grades im Fach Musikwissenschaft eingereicht, mit 1,3 bewertet und über einen Zeitraum von 5 Monaten mit LaTeX erstellt. Ich hatte die LaTeX-Formatvorlage “Vorlage_MA_LaTeX_garamond” der Uni Regensburg aus dem Netz runtergeladen. Allerdings wirft die Seite momentan einen 404, weshalb ich sie erst einmal nicht hier verlinke. Es folgt eine kurze Einleitung und Zusammenfassung des Inhaltes sowie die Gliederung der Arbeit, Links auf die Digitalisate der drei betrachteten Handschriften sowie der Download-Link für die Arbeit selbst. Ich freue mich über eure Kritik und eure Fragen.

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Musica mensurabilis.
Rhythmische Kodierung in der Musiknotation des Mittelalters

Der Titel der Arbeit gibt eigentlich das Thema schon sehr umfassend vor. Es geht um die Kodierung von Rhythmus mittels musikalischer Schriftzeichen, und zwar nicht in der bekannten, klassischen 5-Liniennotation, sondern in historischen Notationssystemen, die im Mittelalter in der Zeit zwischen 800 und 1400 verwendet wurden. Ich habe die Arbeit in drei Sektionen gegliedert, wobei die ersten beiden die Grundlagen für die dritte schaffen. In der ersten Sektion geht es um Fragen der Semiotik. Was ist ein Zeichen? Wie funktioniert Schrift? Was bringt Schrift? Ist Musiknotation eine Schrift und wie kodiert sie mit ihren Zeichen die klingende Wirklichkeit? Hierbei ging es mir vor allem darum, den Unterschied zwischen musikalischem Zeichen und musikalischer Wirklichkeit zu beleuchten und angelehnt an Erkenntnisse der Schriftlinguistik systematische Grundlagen für den Umgang mit Musikschriftzeichen zu entwickeln. Die zweite Sektion verschreibt sich dem Begriff Rhythmus. Sie basiert auf neuro-kognitologischen Erkenntnissen über die Zusammenhänge und Unterschiede zwischen musikalischem und sprachlichem Rhythmus. Wieder dient die Linguistik, bzw. die Phonologie als Vergleichsfeld für die musikalischen Betrachtungen. Da gerade die frühen mittelalterlichen Notationen Rhythmus nicht mit derselben quantitativen Genauigkeit späterer Notationen erfaßten, jedoch nahezu alle aus dem Mittelalter überlieferte Musik textierte Vokalmusik war, erscheint die Untersuchung sprachrhythmischer Aspekte des Liedtextes als fruchtbar. Die dritte Sektion widmet sich dem eigentlichen Untersuchungsgegenstand – den mittelalterlichen Musiknotationen. Dabei werden in chronologischer Reihenfolge drei Folii dreier mittelalterlicher Codices betrachtet, die Beispiele dreier verschiedener Notationssysteme liefern: zunächst die Handschrift CH-SG 339 der Stiftsbibliothek St. Gallen, ein in Neumen notiertes Graduale, dann den Codex Guelf. 1099 (D-W 1099) der Helmstedter Sammlung der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel, der auch als “W2″ bekannt ist und eine der zentralen Quellen der (Quadrat- und) Modalnotation darstellt. Das dritte Manuskript, welches ein Beispiel für mensural notierte Musik liefern soll, ist GB-Cccc Vg, eine Machaut-Handschrift aus dem Privatbesitz Ferrell-Vogüé, die derzeit im Corpus Christi College in Cambridge aufbewahrt wird.

Auszug aus dem Fazit:
[Die Magisterarbeit] kommt zu dem Ergebnis, daß die Ordnung musikalischer Elemente im zeitlichen Verlauf in der horizontalen Achse des Schriftbildes symbolisch fixiert wird – im Mittelalter ebenso wie in der Moderne. Dennoch zeigen die drei untersuchten notatorischen Stadien eine Fortentwicklung, die insbesondere die Segmentierung und Rationalisierung der musikalisch-zeitlichen Elemente betrifft. Während anfangs größere Segmente aus mehreren Tönen (Ligaturen, Komposita) notiert werden, wird die Notation später zunehmend analytisch, so daß Zeichen für Einzeltöne und nicht mehr für Tongruppen stehen. Die Segmentierung der Musik orientiert sich zunächst an prosodischen Elementen der Sprache des vertonten Textes, nämlich an der Silbe. Später wird die Segmentierung der musikalischen Elemente von jener der sprachlichen abgekoppelt, so daß diese im Notat separat behandelt werden können und eine Kodierung von untextierter Musik generell möglich wird.

Gliederung

  1. Einleitung
  2. Semiotik
    1. Einführung in die Semiotik
      1. Systematik der Semiotik
      2. Geschichte der Semiotik
      3. Bedeutung der Semiotik
    2. Sprachschrift als Zeichensystem
      1. Systematik der Schrift
      2. Geschichte der Schrift
      3. Bedeutung der Schrift
    3. Musiknotation als Zeichensystem
      1. Systematik der Notation
      2. Geschichte der Notation
      3. Bedeutung der Notation
  3. Rhythmus
    1. Rhythmus in der Musik
      1. Periodizität der westeuropäischen Musik
      2. Beat oder Puls
      3. Akzent und Metrum
      4. Gruppenbildung und Zeitintervalle
    2. Rhythmus in der Sprache
      1. Isochronie, Periodizität und Prominenz
      2. Typologie der Sprachrhythmen
      3. Perzeption von Sprachrhythmen
      4. Metrische Phonologie
    3. Rhythmus in Vers und Vokalmusik
      1. Beziehungen zwischen Sprach- und Musikrhythmus
      2. Rhythmus im Vers
      3. Rhythmus in Vokalmusik
  4. Notation
    1. Neumennotation
      1. Neumen als Zeichensystem
      2. Neumen als prosodische Marker
      3. Prominenz bei Neumen
      4. Betrachtung der Neumennotation anhand CH-SG 339
    2. Quadratnotation
      1. Von der Quadrat- zur Modalnotation
      2. Modus rectus und modus non rectus
      3. Iambus, Trochäus, Cursus
      4. Betrachtung der Quadratnotation anhand D-W 1099
    3. Mensuralnotation
      1. Quantisierung der Zeit
      2. Nominalismus und Mensura Mania
      3. Betrachtung der Mensuralnotation anhand GB-Cccc Vg
  5. Fazit
  6. Literaturverzeichnis

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Links

Arbeitsweise

Insgesamt hat es mir sehr viel Spaß gemacht, diese Arbeit zu schreiben. Es war anstrengend, ja, und ich habe geflucht, dass ich nicht mehr Zeit hatte. Aber das Thema (ich habe es mir natürlich selbst ausgesucht) war spannend und ich habe viel gelernt dabei. Insbesondere die Forschung in den Bereichen, in denen ich zuvor noch nicht so viel Ahnung hatte, wie Neumennotation, Modalnotation, Schriftlinguistik, Sprachkognition, lateinische rhythmische Dichtung und Optimality Theory zum Zwecke der Untersuchung von Liedtexten, hat mich enorm begeistert. Es hat mir sehr geholfen, mir einen strikten Zeitplan aufzustellen. Vor der Anmeldung habe ich einen Monat lang über das Thema, das Konzept und die Gliederung der Arbeit nachgedacht. Dann verbrachte ich zwei Monate mit der Literaturrecherche und Lektüre, wobei ich für jede Literatur, die ich gelesen hatte, eine eigene Textdatei anlegte. In deren Kopf stand im BibTeX-Format die Quellenangabe, so dass ich sie später einfach kopieren konnte und dann kamen meine Notizen. Man muß sehr streng mit sich sein, bei der Lektüreauswahl tatsächlich nur das zu lesen, was einem Punkte für das Thema der Arbeit bringt. Man stößt natürlich währenddessen immer wieder auf spannende Aspekte, denen man gerne genauer nachgehen würde, aber das muß man sich dann ausnahmsweise mal verkneifen. Dann hatte ich noch drei Monate Zeit, die Arbeit zu schreiben und dabei wurde natürlich noch am ursprünglichen Gliederungskonzept rumgestrichen. Ich habe vor allem die Lektüre-Stichpunkte genommen sortiert, geordnet und hinterher ausformuliert, wobei ich hauptsächlich paraphrasierte, was ich gelesen hatte. Eigene Ideen, die mir zu Aspekten eingefallen waren, die ich gelesen hatte, hatte ich ich immer gleich in die Textdateien eingefügt, so dass ich sie dann zum passenden Zeitpunkt parat hatte und in die Argumentation einfließen lassen konnte. Ich habe täglich 6 Stunden gearbeitet, eine Mittagspause dazwischen gemacht und abends und am Wochenende die Füße hochgelegt. Länger als 6 Stunden hätte ich nicht konzentriert arbeiten können. Wie Leute es schaffen, ihre Magisterarbeiten in drei Wochen ohne Schlaf zu schreiben, ist mir ein komplettes Rätsel. Ich kam mit der Zeit an sich gut hin. Es gab Tage, an denen habe ich gar nichts Sinnvolles zustande gebracht. Die verwendete ich dann für Formalfoo, z.B. Korrekturlesen, Literaturangaben überprüfen, Grafiken raussuchen, Analysen machen, etc. An anderen Tagen ging mir das Schreiben locker von der Feder und ich holte auf, was ich am Vortag nicht geschafft hatte. Jedenfalls setzte ich mir genaue Deadlines, bis wann Kapitel so-und-so fertig sein mußte. Einzig für “den Rest”, das Formatieren, das Erstellen und Einbinden der Grafiken und das Schreiben der Einleitungen und des Schluß’ hatte ich mit einer Woche zu wenig Zeit eingeplant. Zwar hatte ich mir schon vorher immer wieder zurechtgelegt, was in den Einleitungen stehen müßte, aber ich war am Ende so ausgebrannt, dass ich nicht mehr so schön überleiten konnte, wie ich das gewollt hätte. Deswegen sind die Einleitungen und das Fazit ziemlich formell und dröge geworden und die Zusammenhänge der einzelnen Sektionen kommen nicht so schön heraus, wie es geplant war. Vielleicht schreibe ich ja irgendwann eine zweite Auflage oder, noch besser, ein Paper, in dem ich die wichtigsten Aspekte zusammenfasse. Das nächste wissenschaftliche Großprojekt soll die Doktorarbeit werden, wobei ich noch nicht genau weiß, woran ich forschen möchte – irgendwas mit mittelalterlichen Musikhandschriften auf jeden Fall, gerne auch im Bereich Digitalisierung. Denn dass man heutzutage einfach ins Internet gehen und in ein 1000-Jahre altes Buch schauen kann, ohne dass selbiges dabei Schaden nimmt, das ist überhaupt der Clou schlechthin und gehört gefördert.

4 Kommentare zu “[Magisterarbeit] Musica mensurabilis”

  1. Patrick Fretzdorff
    Juni 24th, 2013 21:58
    1

    Hi LeV,

    herzlichen Glückwunsch erst einmal zu deinem Magister. Wenn ich es zeitlich schaffe, werde ich diese Arbeit kursorisch lesen.

    Viele Grüße

    Patrick

  2. LeV
    August 13th, 2013 09:42
    2

    Hach, alte Schulfreunde! Was treibst du so? Meld dich mal!

  3. Patrick Fretzdorff
    August 15th, 2013 21:24
    3

    Ja wie soll ich mich denn melden, außer auf diesem Blog? Ist nichts anderes zu finden im Netz von dir (Das ist sehr gut). Möchte keine Kontaktdaten hier austauschen, klick einfach hier auf http://bit.ly/17Q8Uko oder http://on.fb.me/13nYT1K und gib mir irgendeine Nachricht, sodass ich mich mal melden kann bei dir!

  4. LeV
    April 23rd, 2014 12:51
    4

    Ähem, da steht seit Ewigkeiten eine E-Mail-Adresse auf meiner Kontakt-Seite?

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