Du bist zu paranoid!
Das meinten jedenfalls gestern zwei Freunde zu mir, als ich ihnen erzählte, angesichts des Polizei-, Präventions- und Überwachungsstaats, der Deutschland gerade zu werden droht, die Möglichkeit der Auswanderung ernsthaft in Betracht zu ziehen. Ich erzählte, dass ich die Wohnungsdurchsuchungen bei G8-Gegnern und die Andrej H. Geschichte äußerst bedenklich fände und mir schon eine Checkliste für die nächste Wohnungsdurchsuchung an die Eingangstür gehängt hätte. Sie meinten, ich sähe das zu pessimistisch, es gäbe schon einen Grund für die Durchsuchungen und es wäre doch besser, einem Verdacht nachzugehen…
Es gab Zeiten, in denen ich diesen Argumenten zugestimmt hätte, in letzter Zeit lese ich aber immer öfter Berichte wie den über einen Willkürlichen Polizeieinsatz in Bayern. Ein Familienvater hatte sich im Wartezimmer der Arztpraxis darüber aufgeregt, dass der Papstbesuch im letzten Jahr 40 Millionen Euro gekostet hätte. Es ist schlimm genug, dass unsere Steuergelder, 40 Millionen Euro (!), für den Besuch eines katholischen Obergurus draufgehen, während für Kitas und Lehrer angeblich das Geld fehlt. Was dem bayrischen Familienvater für seine frevlerische Äußerung aber blühte, das schlägt dem Faß wirklich den Boden aus.
Unbekannte hatten im Vorfeld des Papstbesuches dessen ehemaliges Wohnhaus mit Farbbeuteln beworfen. Der Familienvater rückte durch seine, wohlgemerkt im Wartezimmer geäußerte Meinung ins Visier der Ermittler. Diese rückten daraufhin mit einem Sondereinsatzkommando (!) an, führten den Mann ab und durchsuchten, bewaffnet mit Maschinenpistolen in Anwesenheit seiner Frau und Kinder, sein Haus – auch das Kinderzimmer. Dessen Bewohner wurden ohne Anwesenheit der Mutter von den SEK-Beamten befragt, auch ob sie einen Laptop hätten, wollten die sympathischen Freunde und Helfer mit den schwarzen Masken von den Knirpsen wissen. Die beiden rückten daraufhin ihren Spielzeug-Laptop heraus, auf dem die Beamten eine größere Ansammlung Kinderlieder sicherstellen konnte. (Zum Glück, wer weiß, was die Bengel noch alles Gefährliches mit denen angestellt hätten!) Den Vater mußten sie nach der erkennungsdienstlichen Behandlung leider wieder auf freien Fuß lassen, weil sie ihm nichts nachweisen konnten. Dazu ein Fernsehbericht auf youtube.
Es mag sein, dass ich paranoide Züge an den Tag lege, aber dies sind in letzter Zeit keine Einzelfälle. Ich erinnere an dieser Stelle an das frisch vermählte Pärchen, das während der Flitterwochen in seinem Ferienhaus von der Polizei überrascht wurde (Citronengras berichtete). Wie soll ich mich in einem Staat sicher fühlen, der seine Bürger terrorisiert?
November 28th, 2007 13:45
Richtige Paranoia ist sicherlich nicht dienlich aber so ein bissel Zweckparanoia sollte sich jeder Bürger zulegen. Letztendlich soll nach dem Willen des Bundesrats bald die Musik- und Filmindustrie auf die auf Vorrat gespeicherten Verbindungsdaten zugriff erhalten… wohin soll das noch führen?
November 28th, 2007 16:16
Im besten Falle führt es dazu, dass Kunstschaffende endlich begreifen, dass sie sich aus den Knebelverträgen ihrer Rechteverwerter lösen sollten und Verbraucher nur noch freie Kunst rezipieren.
Aber auch an dem von dir genannten Beispiel ist gut zu erkennen, wie wir vom Staat verarscht werden: Niemand hatte vor, eine Mauer zu bauen. Niemand hatte vor, die Mautdaten zur Verbrechensbekämpfung heranzuziehen. Natürlich hat auch niemand vor, die auf Vorrat gespeicherten Verbindungsdaten der Internetuser für etwas anderes als die Bekämpfung des Terrorismus zu verwenden. Ja, nee, is klar.
Zum Glück gibt es immer mal wieder Lichtblicke. Der BGH hat heute beschlossen, dass die MG keine terroristische Vereinigung ist.
November 28th, 2007 22:28
Ich glaube, Paranoia ist vielleicht übertrieben … aber … deswegen(!) auszuwandern… da werden die Flüchtlinge auf aller Welt euch mit abgrundtiefem Mitleid verfolgen … Was denkst du denn wo auf diesem Planeten das Paradies ist? Und wenn ihr glaubt, eins gefunden zu haben, gibt es dort garantiert ein anderes Übel.
Nicht flüchten! Standhalten! Und wenige Beispiele nicht verallgemeinern,
meint Felix
November 28th, 2007 22:56
Wir wandern ja nicht aus, Felixx. Denn wir haben festgestellt, da hast du schon ganz recht, dass es ihm Paradies gar nicht so paradiesisch ist. Es war aber trotzdem einmal interessant diesen Gedanken durchzuspielen, zu reflektieren, was alles an solch einer Entscheidung hängen würde. Man bekommt einen anderen Horizont dafür, was es bedeutet, ins Exil zu gehen – um so mehr, da man sich darüber bewußt ist, dass es das besagte Paradies auf Erden nicht gibt. Dass es uns hier noch verhältnismäßig gut geht, heißt aber trotzdem nicht, dass wir in Bezug auf unsere bürgerlichen Freiheiten irgendwelche Kompromisse eingehen möchten, ganz im Gegenteil. Am liebsten wäre ich gern hier und jetzt frei, auch frei von der Angst, vom Staat verfolgt, überwacht oder auch nur verarscht zu werden.
Dezember 4th, 2007 17:17
Diese Zweckparanoia habe ich mir auch zugelegt. Wir brauchen noch mehr Checklisten! Nicht nur für den Fall einer Hausdurchsuchung. Ich weiß wirklich nicht, wie ich es verhindern kann, mich vor allen Überwachungen zu schützen. Wir wissen alle, dass die totale Überwachung technisch kein Problem ist. Aber man kann sogar auf offener Straße von der Polizei als Terrorverdächtiger überwältigt werden wegen einer Umhängetasche. So berichtete kürzlich im Radio 1 Dr. Mark Benecke. Es ist ihm persönlich so ergangen. Nun habe ich mich auch eingetragen zur Verfassungsklage gegen die Vorratsdatenspeicherung. „Die Gedanken sind frei…“. Was bleibt? Auswandern hilft leider nicht wie oben in den Kommentaren schon erläutert.
Tilly
Dezember 9th, 2007 21:46
Zieh dir besser was über…
http://www.linie1-magazin.de/linie1/index.php?rubrik=news&ressort=&id=4061
Dezember 9th, 2007 22:12
Ich bin ja schon erschreckt, gerade, weil ich soetwas wie das da in letzter Zeit ständig zu lesen bekomme. Der CCC redet schon seit Jahren von den Gefahren, die von zunehmender staatlicher Überwachung ausgehen. Der hörige deutsche Bürger nimmt es hin, er hat ja nichts zu verbergen und es geht ja gegen Terroristen. Dabei hatten wir in den letzten 5 Jahren wieviel Terrortote? Null? Was sehr gut zeigt, das die bisherigen Methoden vollkommen hinreichen. (Aber natürlich geht es nicht um Terroristen.)
Dezember 9th, 2007 23:08
Ehrlich gesagt, finde ich es unglaublich, dass Sätze wie folgende einfach so formuliert werden, als handelte es sich um das Selbstverständlichste der Welt:
„In den Polizeigesetzen der Länder solle ferner einheitlich geregelt werden, dass Beamte bereits dann »präventivpolizeilich« Telefonate abhören können, wenn der Betroffene noch gar kein Beschuldigter sei.“
Mir scheint das langsam in Beliebigkeit auszuarten und dein Bericht über das Flitterwochenpärchen ist der beste Beweis dafür. Die Paranoia scheint erst die Exekutive, dann Lev erfasst zu haben.
Gruß, Maya
Dezember 10th, 2007 20:06
Der Sinn von „präventiv“ ist ja gerade, dass Leute betroffen sind, denen nichts nachgewiesen werden kann, gegen die noch nicht einmal ein Verdacht vorliegt. Natürlich wird es nicht jeden von uns treffen, aber es könnte und deshalb bleiben wir alle ganz brave Bürger damit die Stichprobe, wenn sie zufällig auf uns fällt, nichts ergibt. Wir werden auch nicht schwul sein und nicht unsere Frau betrügen, weil man uns damit ja erpressen könnte. Und wir werden auch nicht die staatliche Führung in Frage stellen oder Autoritäten kritisieren, weil man das alles gegen uns verwenden könnte. In einem Präventionsstaat leben handzahme, meinungslose, undemokratische und unfreie Bürger.
Dezember 10th, 2007 21:13
„In einem Präventionsstaat leben handzahme, meinungslose, undemokratische und unfreie Bürger.“
Du, ick schließe mich voll und janz und sowieso imma deiner Meenung an. Is einfach am besten, weil am einfachsten, wa?
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Mal eine Sache, kannst du nicht einen Thread einrichten, in welchem Leser Vorschläge für Themenbesprechungen machen könnten oder in denen man Fragen posten kann, auf die ein anderer User vielleicht Antwort weiß?
Zum Beispiel:
Was sind die typischen Merkmale der neueren Gattung „lyrische Prosa“?
Diese Frage stellte ich mir gestern, nachdem ich wieder einmal über den Begriff gestolpert war. Ick googelte. In den Weiten des www. wird dieser Begriff zwar immer wieder verwendet, doch denkste, dass auf einer der unzähligen Seiten, die mit diesem Wort hantieren, sich mal jemand die Mühe macht, zu definieren, worüber er spricht? Es ist fast so, als hätte sich einvernehmlich ein schwammiger Begriff durchgesetzt, unter dem sich zwar jeder was vorstellen kann, der aber nie wirklich definiert worden ist.
Stattdessen wird er wie selbstverständlich in den Mund genommen, Verlage meinen: Schickt Lyrik, Prosa oder lyrische Prosa – und das war es dann.
Heute habe ich mir einen Spaß erlaubt und einen dieser schlauen Internetler angeschrieben, um konkret nach den Merkmalen dieser ominösen lyrischen Prosa zu fragen. Nun werde ich gespannt auf Antwort warten, mein Leben lang, wie ich vermute.
Gruß, M.
Dezember 11th, 2007 02:17
Hm, ich hatte mal darüber nachgedacht, ein Forum hier einzurichten. Aber dann hatte ich irgendwie Angst, dass da so SVV-Kiddies kommen und so Sätze schreiben wie: „Ein Gedicht muß sich nicht immer reimen.“ Ich werde weiter über dieses Problem nachdenken, zumal wenn ich weiß, dass da irgendwie Interesse bei meinen Stammlesern besteht.
Für’s erste stelle ich mal ein paar Links zusammen, die in Richtung deiner Frage zielen, aber natürlich keine befriedigenden Antworten sein werden. Die Frage ist nämlich gar nicht so leicht zu beantworten:
Précis: Linguistik und Rhetorik: dort die Definition für die Gattung Lyrik
Zwei ungleiche Paare: dort die Kategorien Lyrik und Prosa
Formlos bloß lose Form: dort prosaische Formgebung
Die rhetorische Periode: nochmal prosaische Formgebung (gedichte.com)
ach ja, und hier hatte mal ein Literaturpreis „epische Lyrik“ verlangt (was auch immer die damit meinten): Anno 1014
Dezember 19th, 2007 15:40
In der Checkliste Hausdurchsuchung fand ich das Kürzel EA, den, die oder das man anrufen soll. Leider ist es nicht übersetzt.. Einwohneramt kanns ja wohl nicht sein
Dezember 19th, 2007 22:10
EA ist der Ermittlungsausschuß. Telephonnummer steht auf dem zweiten Blatt.
Dezember 20th, 2007 13:21
Ach wie schade, ich dachte schon EA stünde für sowas wie „eigenartige Außerirdische“ oder „egozentrische Algorithmengötter“ oder so. Anrufen kann man ja ne Menge Dinge, vor allem ohne Telefon. Ein Altar ist allerdings wünschenswert
Lg, Snorf!
Dezember 20th, 2007 14:52
Frei nach dem Motto: E.T. nach hause telephonieren…
Februar 3rd, 2008 21:02
Oh, update, wir sind offenbar nicht die Einzigen, die ans Auswandern denken. Andere sind mit dem Drübernachdenken fertig und haben es getan, wie Cicero berichtet, was mich wieder an dieses sushee/lilafrosch Bild „Elite sucht Staat“ erinnert.