Aussprache des Mittelhochdeutschen
Monday, January 19th, 2009 von LeV
Als Mediaevistin bin ich ja oft mit der Frage, “Und was kann man damit später mal machen?”, konfrontiert. Eine absolut naheliegende und logische Antwort darauf ist, dass man damit schon jetzt sehr gut besserwisserische Kommentare bezüglich der Aussprache mittelhochdeutscher Liedtexte abgeben kann. Und wer jetzt glaubt, in solche Verlegenheit komme man sowieso nie, der wird sich spätestens dann wundern, wenn er (wie ich derzeit mal wieder) in Chorproben sitzend die Carmina Burana von Carl Orff einstudiert. Diese enthält nämlich neben überwiegend mittellateinischen auch einige mhd. Texte, zu deren Aussprache dann immer viele Experten ihre Meinung kundtun. Diesen will ich mich hiermit anschließen.
Vorbetrachtungen
Das Phonemsystem des Mittelhochdeutschen (einer Sprachstufe in der Zeit von ca. 1050-1350) ist Gegenstand einer sprachwissenschaftlichen Rekonstruktion und resultiert aus der sogenannten 2. Lautverschiebung. Im Zuge dieser 2. LV hat sich das Hochdeutsche (im Unterschied zum Niederdeutschen) aus dem westgermanischen Sprachverband abgespalten, was sich an einigen Lautwandelerscheinungen nachvollziehen läßt.
Um die im Folgenden aufgeführten Aussprachekonventionen richtig beurteilen zu können, ist es zunächst wichtig, sich über drei Dinge klar zu werden: 1. Es gab in der Zeit zwischen 1050 und 1350 keine regional übergreifende, mittelhochdeutsche Einheitssprache, sondern eine Sammlung an Dialekten. 2. Alle Mutmaßungen hinsichtlich deren Aussprache basieren auf wenigen Quellen, die diese dialektalen Mundarten mithilfe eines fremden (nämlich des lateinischen) Alphabets exemplarisch fixieren. 3. Diese graphische Fixation folgt in der Rechtschreibung keiner Normierung und variiert nicht nur von Text zu Text, sondern oftmals sogar von Vers zu Vers. Dadurch dass man aber “schrieb wie man sprach” lassen sich teilweise Rückschlüsse auf das Phonemsystem ziehen. Vieles bleibt dennoch strittig. Thordis Hennings1 schreibt dazu:
Bei der Bezeichnung “Mittelhochdeutsch” [handelt es sich] an und für sich um einen Sammelbegriff, der eine Vielzahl unterschiedlicher Schreibdialekte in sich vereint. Aber bis zum Zenit der höfischen Dichtung um die Wende vom 12./13. Jh. entwickelte sich so etwas wie eine überregionale höfische Dichtersprache, die dadurch gekennzeichnet ist, dass dialektale Besonderheiten stark zurückgedrängt werden. Diese mhd. klassische “Einheitssprache” beruht vor allem auf allemannischer und ostfränkischer Grundlage.
Hennings Aussage muß relativiert werden. Der Eindruck von Einheit entsteht in der Retrospektive evtl. nur aufgrund der Überlieferungslage höfischer Dichtung und den daraus erwachsenen Interessenschwerpunkten der historischen Sprachwissenschaft. Er muß sich bei eingehender Betrachtung ripuarischer und thüringischer Quellen der geistlichen oder bürgerlichen Literatur nicht zwangsläufig bestätigen. Für unsere Carmina Burana ist dies nur von marginaler Bedeutung. Denn die Handschrift des Codex Buranus wurde im bairischen Sprachraum, also in unmittelbarer dialektaler Nähe zum Alemannischen und Ostfränkischen niedergeschrieben und enthält Texte, die u.a. Walther von der Vogelweide zugeschrieben werden, der ebenfalls in diesem Sprachraum tätig war.
Es kann demnach nicht vollkommen verkehrt sein, sich mit der Aussprache der mittelhochdeutschen Liedtexte der Carmina Burana an den von Sprachhistorikern aufgestellten Konventionen für das “klassische” Mittelhochdeutsch zu orientieren. Hierbei gilt, dass sich im gesamten oberdeutschen Sprachraum (alemannisch, bairisch, ostfränkisch und südrheinfränkisch) die 2. Lautverschiebung vollständig vollzogen hat. Man sagt dort auch heute noch ich und Apfel und nicht wie im niederdeutschen Berlin ick und Appel.
Zur regionalen Verteilung der hochdeutschen Mundarten s. Karte südlich der Benrather Linie. (Quelle: Uni Wien)
Aussprache des Mittelhochdeutschen
Die meisten mittelhochdeutschen Textausgaben sind (wenn auch mit unterschiedlicher wissenschaftlicher Akribie) in ihren Schreibweisen normalisiert, so dass sich die phonetische Ausführung von Silben und Worten aus der graphischen Umsetzung “ablesen” läßt. Ich erkläre die Aussprache deshalb zunächst an den üblichen Graphemen, später dann an den Texten der Carmina selbst.
- /a/, /e/, /i/, /o/, /u/, /ä/, /ö/, /ü/: Kurze Vokale sind beim Sprechen deutlich von langen zu unterscheiden. Durch die Existenz kurzer, offener Tonsilben unterscheiden sich das Mhd. geradezu charakteristisch vom Neuhochdeutschen. Es heißt im Mhd. tac [tack], nemen [nemmen], vil [fill], loben [lobben] und tugent [tuggent]. Ebenso verhält es sich mit den kurzen Umlauten.
- /â/, /ê/, /î/, /ô/, /û/, /æ/, /œ/, /iu/ (iu = langes ü): Im Unterschied dazu gibt es einige lange Vokale, die in den meisten Ausgabe durch Zirkumflex ^ gekennzeichnet sind. Fehlt diese Kennzeichnung (wie oftmals in unserer Notenausgabe der Carmina Burana) muß man auswendig wissen, welche Worten lange Vokale enthalten. (Tipp: Die kurzen Vokale überwiegen.) Es heißt im Mhd. dâhte [daachte], gelêret [gelehret], mîn [mien], sô [soo] und ûf [uhf]. Die langen Umlaute werden als Ligaturen geschrieben und sind daran zu erkennen, wobei die Kombination /iu/ für das lange /ü/ steht. Es heißt im Mhd. swære [ßwääre], hœren [höören] und triuwe [trüüwe].
- /ei/, /ou/, /öi/, /ie/, /uo/, /üe/: Die Diphtonge sind deutlich zweitonig zu sprechen, verschmelzen aber zu einer Silbe. Dabei liegt die Betonung auf dem ersten Vokal und fällt nach hinten ab, ähnlich wie es im heutigen Bairisch gesprochen wird. Es heißt im Mhd. ein [éyn], schouwe [schóuwe], vröide [fröide], dienest [díenest], buoch [búoch] und süeze [süeße].
- /h/, /lh/, /rh/, /ht/, /hs/: Das Graph /h/ ist im Anlaut und zwischen Vokalen ein zum Nhd. identischer Hauchlaut (wie in Herr und sehen). In den Kombinationen /lh/, /rh/, /ht/ und /hs/ versteht es sich jedoch als gutturaler Reibelaut. Damit ist evtl. immer der velare Ach-Laut [x] gemeint. In Verbindung mit vorderen Vokalen (e, i, ü) und Sonanten (l, r) könnte es aber schon zu einer Palatalisierung als Ich-Laut [ç] gekommen sein. Der durchgehend velare Gebrauch ist heute nur in der Schweiz, jedoch nicht im bairischen Sprachraum üblich. Ob er es damals war, ist unklar.
- /z/: Das Graph /z/ wird im Anlaut und nach einem Konsonanten als Frikativ [tz] gesprochen, z.B. in zuo [tzuo] oder herze [hertze]. In den übrigen Fällen steht es für ein stimmloses /s/, dass dem nhd. /ß/ oder /ss/ entspricht, wie in daz [daß] oder wazzer [wasser].
- /sl-/, /sm-/, /sp-/, /st-/, /sw-/: Das Graph /s/ wird in den Kombinationen /sl-/, /sm-/, /sp-/, /st-/ und /sw-/ nicht palatalisiert, es gibt also anders als im Nhd. hier keinen Zischlaut. Es heißt im Mhd. spil [ßpill] und swære [ßwääre].
- /w/: Bezüglich der Aussprache des Graphs /w/ (=/uu/, /vv/) gibt es zwei Meinungen. Die eine Schule möchte es als dentalen Reibelaut wie nhd. Wasser hören, die andere als Halbvokal [ɥ] wie im engl. water. Ich persönlich schließe mich wegen der Weiterentwicklung des /w/ im Nhd. dieser zweiten These an, da mhd. frouwe im Nhd. nicht zu Fraw, sondern zu Frau geworden ist.
Mhd. Texte der Carmina Burana
Man erkennt, dass unsere Notenausgabe2 der Carmina Burana keine wissenschaftlich normalisierten Texte enthält. Der Gebrauch des Graphs /h/ in Endpositionen wechselt mit /ch/, einige lange Vokale sind durch Zirkumflex gekennzeichnet, auf anderen fehlen die Längenzeichen, Elisionen (bes. Vokalhiats und stumme e’s) sind nicht gekennzeichnet und in der 2. Strophe von “Chume, chum, geselle min” ist noch ein Abkürzungszeichen (die Tilde über dem n) übernommen, das in ein Dentalsuffix aufgelöst werden muß.
Ich habe die langen und kurzen Vokale der wichtigen Wörter mit dem Mittelhochdeutschen Wörterbuch von Niemeyer3 abgeglichen, um hier eine Sicherheit hinsichtlich ihrer Aussprache zu bekommen. Das /eu/ in freudenriche ist der normalisierten Form von vröide/vröude angepaßt und wird auch so gesprochen. Ich speche alle /w/ als Semivokale, alle /ch/ hinter vorderen Vokalen als Ich-Laut - das kann man aber halten, wie man will. Um sich die mp3s anzuhören, reicht es, in der Flashanimation auf den Play-Button zu klicken.
7. Floret silva
Floret silva undique,
nah mime gesellen ist mir wê.
Gruonet der walt allenthalben.
wâ ist min geselle alse lange?
der ist geritten hinnen.
owî, wer sol mich minnen.
[nach (x) miem (i lang, e stumm) gesellen ist mirr (i kurz) weh
gru-onet (Diphtong, aber o unbetont) der walt allenthalben
wa ist mien (i lang) geselle allse lange
der ist geritten hinnen
owie, wer soll mich minnen]
8. Chramer, gip die varwe mir
Chramer, gip die varwe mir,
die min wengel roete,
da mit ich die jungen man
an ir dank der minnenliebe noete.
Seht mich an, jungen man!
lat mich iu gevallen.
Minnet, tugentliche man,
minnecliche frouwen!
minne tuot iu hoch gemuot
unde lat iuch in hohen eren schouwen.
Wol dir, werlt, daz du bist
also freudenriche!
ich will dir sin undertan
durch din liebe immer sicherliche.
[Kramer (a lang) gipp di-e (diphtong) farwe mirr
di-e mien wengel röte (ö lang)
da mit ich di-e jungen mann
ann irr dank der minnenli-ebe (kurz) nöte (ö lang)]
[Seht mich an, jungen mann
latt mich ü (ü lang) gefallen]
[minnet tuggentliche (u kurz) mann
minnecliche frouwen
minne tu-ot ü (lang) hoch gemu-ot
und (e stumm) latt üch (ü lang) in hohen (o lang) ehren (e lang) scho-uwen]
[woll (o kurz) dirr wärlt daß du bist
allso fröidenrieche (-rieche i lang)
ich will dirr sien undertann
durch dien li-ebe immer sicherliche]
Swaz hie gat umbe
Swaz hie gat umbe,
daz sint allez megede,
die wellent an man
alle disen sumer gan!
[ßwaß hi-e gaat (a lang) umbe
daß sint alleß megede (e kurz)
di-e wellent aan (a lang) mann
alle disen (i kurz) summer (u kurz) gaan (a lang)]
Chume, chum geselle min
Chume, chum, geselle min,
ih enbite harte din.
Suzer rosenvarwer mund,
chum uñ mache mich gesunt
[Kumme, kumm (u kurz) geselle mien (i lang)
ich enbiete (i lang) harte dien (i lang)]
Sußer (u lang) rosenfarwer (o lang) munt (u kurz, t scharf)
kumm und (mit nd) mache mich gesunt]
10. Were diu werlt alle min
Were diu werlt alle min
von deme mere unze an den Rin,
des wolt ih mih darben
daz diu chünegin von Engellant
lege an minen armen.
[werre dü wärlt alle mien (i lang)
von demm (e stumm), meer-unß (elang, hiat) an denn Rien (i lang)
des wollt ich mich darben
daß dü (ü lang) künneginn (ü kurz) von Engellant (ng nasal)
legge (e kurz) an mienen (i lang) armen]
Eselsbrücke
Als kleine Eselsbrücke bezüglich der /i/-Längen kann man sich merken, dass alle mhd. /i/ lang gesprochen werden, wenn ihre nhd. Entsprechungen zu einem /ei/ geworden sind. Also mhd. mîn wird nhd. mein, deshalb ist das /i/ im mhd. Wort ein langes /i/, ebenso mhd. vröidenrîche → nhd. freudenreich. Das /i/ ist hingegen kurz, wenn im nhd. Wort noch immer ein /i/ (kurz o. lang) steht.
__________
- Thordis Hennings: Einführung in das Mitelhochdeutsche. 2., durchgesehene und verbesserte Auflage. Walter de Gruyter, Berlin, NewYork, 2003
- Carl Orff: Carmina Burana. Cantiones Profanae. cantoribus et choris cantandae comitantibus instrumentis atque imaginibus magicis, Klavierauszug von Henning Brauel [ed.], Schott 1996, ED 2877
- Beate Henning: Kleines Mittelhochdeutsches Wörterbuch, Christa Hepfer u. Wolfgang Bachofer (Co.-Red.), Max Niemeyer Verlag, Tübingen 20014


hallo
das ist sehr interessant
ist das mittelhochdeutsche dem plattdeutschen und auch dem ostfriesischem platt ähnlich? ich hatte die texte mit dir mitsprechen können. darüber war ich etwas verwundert. große unterschiede empfand ich nicht und erzeugte kurzlaute gibt es auch im norddeutschen plattdeusch.
du hattest ja gesagt das es der mundart unterliegt, mich wundert aber das da solche ähnlichkeiten bestehen, auch zu meiner hausbezogenen mundart. das es natürlich abweichungen gibt ist deutlich, aber im grunde genommen fallen die nicht sehr ins gewicht, oder doch?
ich hab auf dem dichterplaneten ein gedicht vertont das “Shietwedder” heißt, wo du die aussprache hören kannst…ich wollte keinen link setzen weil ich nicht weiß ob du das gerne siehst. würde mich aber freuen wenn du da mal reinhörst und mir hier oder sogar auf dem planeten selbst, deine meinung dazu abgeben könntest.
Meen Keue schloppen achtern Diek in staan
un achter se, dor steit de kole Waater,
steit denno nemols ruhi un Wellen schlein,
se schlein sik hoch un överschlein sik nöcher.
meen wird wie mien gesprochen
staan wird wie stoan gesprochen
es fallen viele wortlaute sogar weg
und ist un/ se ist sie/ dor ist dort
es gibt auch klangliche abweichungen wie
stei für steht/nemols für niemals
v=b/ k=ch
ich bin mit der sprache aufgewachsen und mag sie sehr gerne, nach der wirkung oder dessen ursprung hab ich eigentlich nie gefragt…was man sein leben lang macht, kommt einem ja meist als recht beiläufig vor und fällt der normalität anheim.
das ist die erste strophe davon, es gibt natürlich unterschiede, aber in der aussprache sind die nicht allzugroß wie ich fand. das hat mich reinst verwundert.
und auch sehr angesprochen.
wahrscheinlich ist plattdeutsch eine abart des mittelhochdeutschen? wenn ich raten müsste würde ich ja sagen.
January 25th, 2009 at 9:20 amglg pringles
Na ja, das Mittelhochdeutsche ist dem Plattdeutschen immerhin darin ähnlich, dass es sich um deutsche Sprache handelt. Ansonsten gibt es aber sehr gravierende Unterschiede, die sich vor allem daraus ergeben, dass Platt ein niederdeutscher Dialekt ist und deshalb die 2. LV nicht vollzogen hat (im Gegensatz zum Mhd.). Nun kenne ich mich mit der Aussprache der niederdeutschen Dialekte des Mittelalters nicht besonders gut aus und sowohl die nieder- als auch die hochdeutschen Dialekte haben ja dann nochmal eine 500jährige Sprachentwicklung bis heute durchgemacht. Ich bezweifle, dass heute noch alles so gesprochen wird, wie damals. Natürlich leuchtet z.B. die Aussprache von /ee/ als [i:] im Plattdeutschen ein, weil es im Englischen auch so ist, etc. Aber wie genau da die Verhältnisse sind, kann ich nicht sagen. Wenn du meinst, dass es sich ganz ähnlich anhört, wirst du das als “Nativespeaker” besser wissen als ich.
January 28th, 2009 at 2:22 pmhuhu LeV,
find ich echt toll, dass du das auch noch vorgelesen hast, da hat man erstmal richtig ne Vorstellung was man das singt, denn meistens erschließt sich der Sinn ja erst wenn man es richtig ausspricht.
January 31st, 2009 at 6:18 pmInteressant finde ich, dass man manchmal bei der Schreibweise “ih” es wie das heutige “ich” ausspricht (siehe 10.) und “mih” (10.) und bei “chume, chum” steht mich, was man dann ja wohl wie das heutige mich ausspricht.
Andererseits aber bei (7.) “nah”, was man wie das heutige “nach” ausspricht…..ich dachte irgendwie, dass man dann das mih, ich eher wie bei nach spricht. Hast du da ne erklärung? Hat es was mit den verschiedenen Vokalen zu tun?
Und habe ich mich ungefähr verständlich ausgedrückt?
viele grüße
juli
Hallo Juli, also dass z.B. das /ch/ am Anfang von “chume” wie [k] gesprochen wird, das funktioniert analog zu Christus oder Chronik und hängt irgendwie mit der lateinischen Transkritption griechischer Buchstaben zusammen. Da dachte sich der Schreiber der Handschrift wohl, dass man das so schreiben sollte. Es gab ja keine Rechtschreibung und deshalb finde man auch Worte, die man heute noch mit /ch/ manchmal wie /k/, z.B. “Kist”. Man muß unterscheiden zwischen der lautlichen und der schriftlichen Ebene, das sind zwei Paar Schuhe.
Was nun die /ch/s Am Wortende betrifft, so ist unklar, ob man sie im MA durchgehend wie im Ach-Laut spricht, wie das in der heutigen Schweiz üblich ist, oder ob sie in der Nähe vorderer Vokale wie [i] und [e] aus sprachökonomischen Gründen zum Ich-Laut verschliffen werden, wie man es heute in ganz Deutschland tut. Das wäre dann analog zum Französischen “garage” oder Italienischen “capuccino”. Sprachökonomisch ist das deshalb, weil die Zunge für den Vokal ja schon vorne ist oder eben dahin muß, da kann man sie für den Konsonanten eben auch gleich dort lassen, anstatt sie erst zum hinteren Gaumensegel zu bewegen. Das Resultat ist ein weicherer Konsonant bei gleicher Mundstellung.
January 31st, 2009 at 6:58 pmHi, LeV!
Ich sehe schon, Du hast selten Zeit für Deinen Blog, aber das spricht ja nur für ein in vollen Zügen genossenes reales Leben.
An dieser Stelle würde ich statt eines Koreferats nur eine kleine Frage hinterlassen in der Hoffnung, daß Du irgendwann Gelegenheit für eine Antwort siehst:
Kann man die konventionellen Ausspracheregeln für das Mittelhochdeutsche auch auf die Lieder Oswalds von Wolkenstein anwenden? An sich sind ja bei ihm schon Einflüsse des Frühneuhochdeutschen festzustellen, andererseits stammt er aus einer Region, in der bis heute eine starke dialektale Färbung besteht…Aufgrund dieser Besonderheiten bin ich mir nicht ganz sicher.
Der praktische Hintergrund der Frage ist der, daß ich während meines Gesangsstudiums seine Stücke für mich entdeckt habe und mich bei Auftritten prinzipiell um eine historisch informierte Aufführungspraxis bemühe.
Wie würdest Du das hier umsetzen?
Herzliche Grüße,
April 9th, 2009 at 11:42 amSigmar
Hallo Sigmar, ja, erst einmal muß ich mich für meine lange Schweigsamkeit entschuldigen. Aber bei anständigen Fragen möchte ich mir natürlich Zeit für eine anständige Antwort nehmen und die war in den letzten Wochen rar bei mir.
Oswald wirkte, soweit ich weiß, in Tirol. Ich habe mich mit ihm und seiner Musik bisher nur am Rande befaßt, weil mir das zeitlich schon wieder fast zu “modern” ist. Generell würde ich sagen, bevor man irgendwie rumdruckst, sollte man die konventionellen Ausspracheregeln auch auf seine Liedtexte anwenden. Wobei man bedenken muß, dass sich rechtschreiblich sicherlich eine Menge getan hat, also Buchstabenfolgen, an denen man sich im Mhd. in Bezug auf die Aussprache orientieren kann, durchaus variiert sein können.
Wenn man es aber wirklich genau machen möchte, würde ich versuchen, Ausgaben zu dialektalen Besonderheiten der Region Tirol zu bibliographieren und mal zu schauen, ob man dort etwas zur Aussprache findet oder über Vergleiche von Schreibung, Grammatik, aktueller Aussprache, etc. irgendetwas darüber erschließen kann. Dann wird man sicherlich nicht um einen Vergleich der Handschriften und Editionen hinwegkommen. D.h. man schaut sich an, nach welchen Standards die standardisierten Oswald-Ausgaben standardisiert wurden und in wiefern sich die Schreibungen in den originalen Hss. (bzw. diplomatischen Abschriften, Handschriften-Editionen) unterscheiden. Es kann z.B. sein, dass eine Hs. den Oswald in einer Region überliefert, die nicht direkt seine Wirkungsstätte war und deshalb an die eigenen dialektalen Besonderheiten anpaßt, etc. Obwohl ich glaube, dass Oswald für den Großteil seiner Überlieferung (ähnlich wie Machaut) selbst verantwortlich ist, aber da stecke ich, wie gesagt, zu wenig in der Materie.
Liebe Grüße, LeV.
April 14th, 2009 at 11:08 amZu “Swaz hie gat umbe”:
January 14th, 2010 at 12:16 amfalsche Quantität: an / gan
“an” ist “ane”, also “ohne”, und lang zu sprechen ebenso wie gan.
Das ist auffallend richtig. Danke für den Hinweis.
January 18th, 2010 at 11:29 amJetzt bin ich mir aber bei “man” verstört. Das Wörterbuch sagt, kurzes [a], aber der Reim [mann-gaan] wird dadurch “lediert”. Das ist schade, aber wohl nicht zu ändern. Denn das Wörterbuch wird mich ja nicht anlügen und es wird wohl auch nicht “Montat” heißen sollen, sondern tatsächlich “Mann”. Dafür ist es so ein interessantes Beispiel für meine Reimformsammlung: reiner Reim, der sich jeweils nur in der Qualität des Vokals unterscheidet.
Mittelhochdeutsche Aussprache - Carmina Burana
Sehr hilfreich, danke. Könnten wir aber nicht vermuten, dass die Lieder so aufgeschrieben wurden, wie sie damals mit dialektischen Unterschieden ausgesprochen wurden?
z.B., daß in Nr.10 “ih” “mih” “ie” “mie” ausgeprochen werden sollen?
Die Schreiber werden woll ihre Gründe gehabt haben, keine einheitliche Schreibweise für die Wörte verwendet zu haben.
Besten Grüß, Larry
May 23rd, 2010 at 4:41 pmDas trifft in gewisser Weise auf jeden Fall zu. Eine einheitliche Rechtschreibung gab es natürlich nicht und insofern hat jeder quasi geschrieben, wie er gesprochen hat. Du hast aber zugleich das Phänomen, dass ein Wort im selben Text in Zeile 1 so und in Zeile 2 anders geschrieben steht, obwohl es vom selben Schreiber in derselben Handschrift kommt. Man kann nicht davon ausgehen, dass es hier so und dort anders ausgesprochen wurde. Eher ist es so, dass es verschiedene Möglichkeiten gab (und gibt) ein Phonem graphisch zu realisieren. Mach mal den Versuch und laß einen nach deutscher Rechtschreibung verfaßten Text von Muttersprachlern in einen Dialekt übertragen. Du wirst sehen, dass jeder Schreiber andere Lösungen findet oder Ggf. hier so und dort anders entscheidet.
Aus der Schreibung einen Rückschluß auf die Aussprache zu ziehen, ist also eine Frage, die die konkrete Schreibung in einer konkreten Situation überspannt. Aber letztlich passiert genau das, dass man Aufgrund der Schreibung auf die Aussprache schließt. Anders ist es ja auch nicht möglich.
May 24th, 2010 at 12:51 pm