Vom Riechen, Sehen, Hören und Fühlen im Sommer

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Vom Riechen, Sehen, Hören und Fühlen im Sommer

In der größten Mittagshitze
(Düfte süßlich, wie Lakritze)
fährt ein leises Zittern durch die Äste.
Still und schnell, wie ungebetne Gäste,
die mit Diebestrieben in das Haus gedrungen,
ziehen Wolken auf und Luft drückt auf die Lungen.

Und die sturmgefärbten Wolkenformationen
quellen, um die Phantasien zu erproben,
morphen Fabelwesen, die, bizarr verwoben,
wabern zu den Klängen meiner Illusionen.

Da! es zuckt der erste Blitz durch das Gewühle,
grell, doch stumm, der Bote nahender Gewalten,
die sich leuchtend, flackernd himmelwärts entfalten –
Und von oben bricht hervor die nasse Kühle.

Wie aus Eimern schüttet nun der schwere Regen.
Bäche rinnen stürzend von den grünen Blättern.
Hinterm Rauschen hört man Donnerschläge schmettern,
bis die Stürme sich erschöpft zur Ruhe legen

Und die Sonnenstrahlen ihre Wege winden,
sich zu roten, gelben, blauen Bögen finden,
uns an unsern Nasenspitzen kitzeln,
spiegelnd Blitze in die Pfützen kritzeln,
wenn wir, um die Luft zu riechen,
wieder aus den Höhlen kriechen.

XXVI | Aug. 2005

Update vom 24.10.2011

Zur Entstehung

Es ist erstaunlich, ich lese diesen über sechs Jahre alten Text von mir heute wieder und mir läuft es kalt den Rücken runter. Synästhesie und Onomatopoeisis sind phantastische Stilmittel, sie entfalten eine enorme Wirkung, selbst wenn man einen Text selbst verfaßt hat, was ja immer noch mal etwas Anderes ist. Ich kann mich nicht mehr an den genauen Entstehungsprozess dieses Gedichtes erinnern, ich erinnere mich jedoch genau an das Sommergewitter, welches ich hier beschreibe. Es war 2005 in Holland auf einer großen Wiese, auf der die internationale Hackerelite ein Camp namens „What the Hack“ veranstaltete. Später wurde diese Veranstaltung „Waht the rain“ getauft, denn dieses Wetter war charakteristisch dafür. Aber es waren großartige Gewitter, die wir dort erlebten, mit orange gefärbten, dicken Quellwolken und einem ganz besonderen Licht. Ich habe versucht, diese besondere Atmosphäre auf allen Sinneskanälen abzubilden und darauf ja auch im Titel hingewiesen. Dies ist quasi ein Lehrgedicht für das Stilmittel der Synästhesie und wurde m.E. auch von einem Deutschlehrer, der seine Schüler darauf losließ, mal so bezeichnet.

Die große Wirkung entfaltet sich aber nicht dadurch, das alles Sinnesorgane und -eindrücke mal genannt werden, sondern in erster Linie durch die phonetischen Farb- und Form-Analogien, dunkle gegenüber hellen Vokalen, runde gegenüber spitzen Konsonanten. Dass Phoneme Farben und Formen haben, ist kein Problem pathologischer Synästhetiker. Jeder Mensch kann sie so wahrnehmen, weshalb auch jeder Mensch weiß, dass „Buba“ rund, „Kiki“ spitz, „moop“ dunkel und „miep“ hell ist. Das ist geradezu onomatopoetisch, der Klang des Wortes ahmt die Form, die Farbe, den Naturklang seines Referenten nach. Vilayanur Ramachandran hat sich als Neurologe mit der Synästhesie befaßt und ist zu sehr interessanten Erkenntnissen darüber gekommen, wie unser Gehirn funktioniert. Die Fähigkeit, Analogien zu bilden, ja, Metaphern und sonstige analogiebasierte Tropen zu verstehen, scheint in unseren Gehirnen hart-kodiert zu sein. Mich als Sprachkünstler ganz bewußt dieser synästhetischen Wirkungen der Vokale und Konsonanten zu bedienen, ist, als würde ich euch die Atmosphäre des Gewitters direkt ins Gehirn reinmalen.

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  • dieser Text wurde hier erstveröffentlicht
  • diskutiert wurde er auf gedichte.com

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