Ich bin noch nicht lebensmüde!

Der Zeit-Artikel über den Freitod des französischen Philosophen und Solzialtheoretikers André Gorz hat mich heute ganz schön mitgenommen. Die Entscheidung, sich mit 84 Jahren gemeinsam mit der schwerkranken Frau das Leben zu nehmen, ist krass. Es muß eine seelische Tortur sein, solche Themen rational für sich und vermutlich mit dem kranken Partner durchzudiskutieren, das Für und Wider zu beleuchten und zu wissen, dass man da über das absolute Ende spricht. Ich meine, nicht einmal als Existenzphilosoph weiß man, was das Ende für die eigene Existenz bedeutet, auch wenn man den Tod vielleicht als Schwelle zwischen Sein und Nichts betrachtet. Und sich dann für das Nichts zu entscheiden, mann-o-mann.

Ich habe meinen Freunden erzählt, dass ich das für mutig halte, sich einer solch existentiellen Problematik zu stellen, aber sie meinten, es sei bequem, störten sich sogar an meinem Emo-Geschwafel. Aber ich halte das gar nicht für Emo-Geschwafel, denn ich sehe einen deutlichen Unterschied zwischen dem Gerede über den Freitod à la “Ich bin ein Opfer und hoffe, ihr habt jetzt Gewissensbisse, wenn ich mich wegen euch umbringe oder ritze oder schlechte Gedichte über schwarzen Rosen und Blut auf dem Grab schreibe”, das unter passiven Teenies heutzutage so hip ist, und dem rational entschiedenen Freitod eines aktiven Philosophen.

Der Tod ist in unserer Gesellschaft ein Tabu-Thema. Wir vermeiden es, mit diesem Thema bei uns zu Rate zu gehen und machen es uns leicht, diejenigen, die damit hausieren gehen, als Spinner abzutun (was sie vermutlich großenteils auch sind, aber das ist ein anderes Thema). Natürlich will ich kein Emo-Gelaber, weil ich mich nicht für ein Opfer (der Gesellschaft) halte, sondern weiß, dass ich selbst für mich verantwortlich bin und es für bequem halte, aufzugeben, bevor man es nicht wenigstens mit aller Willensstärke versucht hat. Aber hey, ich kannte bisher nur eine Person, die gestorben ist, und die stand mir noch nicht einmal besonders nahe. Trotzdem hat es mich getroffen, von ihrem Tod zu erfahren, weil ich sie mochte. Die Entscheidung für den Tod, selbst wenn er rational gesehen letztlich die bequemere Variante sein mag, ist mit Sicherheit keine leichte. Ich weiß nicht, ob ich mich in einer Situation, in der es mir wirklich dreckig geht, dafür entscheiden könnte. Ich hoffte, es wäre so, aber ich bezweifle das und ich glaube den Leuten meines jungen Alters schlicht und ergreifend nicht, die über ein solches Thema reden, als sei es Pillepalle für sie. Ich kann die Welt nur aus meinen Augen betrachten und ich häng viel zu sehr am Leben, als dass ich dessen Ende abtun oder mich auch nur damit abfinden könnte. Ich weiß gewiss, ich bin noch nicht lebensmüde!

edit: Dazu auch interessant, der Spiegelartikel “Todesangst als Wahlkampfhilfe“.

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