Die künstlichen Paradiese

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Die künstlichen Paradiese

Zünde mir ein Licht, du rote Flamme,
   komm, umarme mich und sei mir hold,
   gib mir neun für zehn, wie ich’s gewollt,
sei mir Mutter, Retter, Dame, Amme!

Weiße Milch, dich will ich eilig trinken,
   kreuzen die Gestade meiner Schuld,
in die Welten meiner Träume sinken.
   O, dein Rausch spult Spindeln der Geduld!

   Und die grüne Fee herrscht immer dar,
   paart und mischt im Wahnsinn falsch und wahr,
formt die Sinne mir zu Arabesken
lächerlicher Masken und Grotesken!

Seht, der schwache Hauch, der matte Funken
   Poesie von Flamme, Milch und Fee
      tropft durch meine schwarze Feder
         auf’s Papier und ich bin frei!

X | Mar. 2004

Zur Entstehung

In seinem Essay „Les paradis artificiel“ (dt. „Die Künstlichen Paradiese“) reflektierte Charles Baudelaire über die Wirkung von Opium und Haschisch. Erfahrungen mit bewußtseinserweiternden und anderen wirksamen Substanzen sollten dem französischen Symbolisten neue Horizonte eröffnen. Als im März 2004 das Internet-Forum www.gedichte.com einen Lyrik-Wettbewerb ausschrieb, dessen Aufgabe es war ein vorgegebenes Bild zu bedichten, war es das, was mir einfiel. Natürlich wollte ich für einen Wettbewerb, in dem sich Dichter messen, ein poetologisches Gedicht schreiben, d.h. Bezug auf das Dichten selbst nehmen. Letzteres wollte ich zu einer Droge stilisieren, einer Tätigkeit, von der man, einmal angefixt, nicht mehr lassen kann. Über die Parallelgestaltung mit den anderen drei Stoffen, die alle nur implizit beschrieben sind, wollte ich es zum vierten künstlichen Paradies machen. Kunst und Künstlichkeit sind nicht umsonst etymologisch verwandt. Das Künstliche ist vom Menschen nach seinen Fähigkeiten, seiner Kunst, geschaffen. Mit der fiktionalen Welt, die ein Autor oder Dichter erschafft, kreiert er sich zugleich sein unwirkliches Paradies, unfähig, sich davon abzuwenden.

Der Text weist viele kleine Gimmicks in seiner Gestaltung auf, poetologische Sophistereien. So findet sich ein Kreuzreim, wo Gestade gekreuzt werden, ein Paarreim, wo sich gepaart wird, etc. Jeder Substanz ist eine Farbe zugeordnet, deren Mischung am Ende im Schwarz zusammenfließt und Metonymien und Metaphern treten für sie ein. Alle Spielereien sollten den Text selbst zu einem Objekt bewußter Künstlichkeit machen und vielleicht auch zu Kunst…
… zumindest habe ich den Wettbewerb damals gewonnen, auch wenn ich glaube, dass die Jury selbst nicht so genau wußte, warum eigentlich.
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